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„Trennung ist kein Versagen": wenn Trennung der bessere Weg ist

  • Autorenbild: Redaktion
    Redaktion
  • 9. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Rechtsanwältin Sandra Günther über Scheidung, Kinderwohl und faire Lösungen.

Seit über fünfzehn Jahren begleitet Sandra Günther Menschen durch Trennung, Scheidung und Neuanfang. Im Interview verrät die Rechtsanwältin mit Schwerpunkt im Familienrecht, was sie unter intelligenter Trennung versteht – und warum Kinder ehrliche Eltern brauchen, keine perfekten. 

 


Sandra, dein Buch und Coaching-Angebot tragen den Titel „Intelligent getrennt“.

Was steckt dahinter? 

Sandra Günther: Ich will, dass Menschen verstehen, dass Trennung kein Versagen ist. Sie ist eine Chance, Verantwortung zu übernehmen: für sich, für die Kinder, aber auch für die Art, wie man auseinandergeht. Ich sehe so viele Paare, die eigentlich nur ihre Ruhe wollen, aber dann in jahrelange Rosenkriege geraten, weil Emotionen übernehmen. Das muss nicht sein. Man kann sich auch würdevoll und eben intelligent trennen. 

 

Viele Paare leben noch unter einem Dach, obwohl sie längst getrennt sind. 

Das ist heute fast normal. „Wir sind getrennt, wohnen aber noch zusammen“ – das höre ich ständig. Bei manchen funktioniert das als Zwischenlösung, vor allem, wenn Kinder da sind oder es um eine gemeinsame Immobilie geht. Aber irgendwann kippt das. Wenn einer emotional schon weiter ist und der andere festhält, wird’s zäh. Ich sage immer: Es funktioniert, bis es nicht mehr funktioniert. 


 

Und wenn einer partout nicht ausziehen will? 

Dann bleibt nur das sogenannte Wohnungszuweisungsverfahren. Das greift, wenn das Zusammenleben unzumutbar ist, zum Beispiel bei Gewalt, Alkohol, ständigen Eskalationen oder wenn die Kinder psychisch darunter leiden. Das Gericht entscheidet dann, wer bleiben darf. Aber das ist kein leichter Weg. Man muss glaubhaft machen, dass es wirklich nicht mehr geht. Ich hatte Fälle, da haben Frauen mit ihren Kindern tageweise im Auto geschlafen, bis endlich entschieden wurde. Das darf eigentlich nicht passieren – aber es passiert. 

 

„Kinder merken genau, ob ihre Eltern sich lieben oder nur noch funktionieren.“ 

Und wenn die Lage „nur“ unterschwellig belastend ist? 

Dann sage ich ehrlich: Geh. Wenn keine Kinder im Spiel sind – raus da. Kein Zuhause der Welt ist es wert, dass man innerlich verkümmert. Bei Familien ist es komplizierter, weil Stabilität zählt. Aber Kinder merken genau, ob ihre Eltern sich lieben oder nur noch funktionieren. Schweigen, Kälte, Zynismus – das prägt mehr als ein Umzug. 

 

Wann weiß man denn wirklich, dass es keine Krise mehr ist – sondern das Ende? 

Wenn man sich noch fragt, ob es wirklich eine Krise oder das Ende ist, dann ist es meistens noch nicht das Ende. Denn wenn man an dem Punkt ist, an dem es wirklich vorbei ist, dann ist einem in der Regel alles egal. Dann sieht man nur noch, wie man leidet, nämlich wie ein Hund. Man hat keine Lust mehr und fühlt sich sehr unwohl. Es ist immer Stress oder schlechte Stimmung. Die Kinder leiden. Und irgendwann weiß man einfach: Es geht nicht mehr. Deshalb sage ich immer: Hör auf dein Gefühl. Ganz oft sitzen hier Leute mit Begleitung, und die Begleitung redet auf sie ein – „Du musst jetzt!“. Aber meine Mandanten sind noch gar nicht so weit. Es nützt nichts, wenn man einen Schritt geht, bevor man innerlich so weit ist. 

 

Wie oft hörst du dann: Ich bleibe wegen der Kinder? 

Das ist der häufigste Irrtum. Ich sage immer: „Du musst nicht bleiben, um deine Kinder zu schützen. Du musst ehrlich sein, um sie nicht zu belügen.“ Kinder brauchen keine perfekte Familie, sie brauchen vielmehr ehrliche Eltern. Sie spüren, wenn etwas faul ist. Und sie lernen daran, wie man mit Wahrheit umgeht. 

 

Kommen wir zum Wohnmodell: Das Wechselmodell wird viel diskutiert. 

Ja, und es ist auch schwierig. Deswegen gibt es das sogenannte Nest-Modell. Da bleiben die Kinder in der vertrauten Wohnung und die Eltern wechseln sich ab. Das ist für viele erstmal charmant, weil die Kinder ihre Basis behalten. Aber in der Praxis scheitert es oft daran, dass einer die Trennung noch gar nicht akzeptiert hat. Dann kommt zum Beispiel der Ex-Partner immer wieder rein und es gibt regelmäßig Stress. Ich finde das Nest-Modell nicht schlecht, wenn die Kommunikation 1a ist und beide wissen: Wir wollen uns nicht mehr, wir machen das nur für die Kinder. Aber es ist teuer, weil jeder Elternteil zusätzlich eine eigene Wohnung braucht. Das muss man realistisch sehen. 

 


Das Thema Unterhalt sorgt oft für Streit. 

Oh ja, Unterhalt ist das ewige Thema. Nicht, weil alle zu wenig haben, sondern weil Besitz und Macht sich mischen. Geld wird zum Symbol für Kontrolle. Ich sehe es ständig: Diejenigen, die am meisten haben, kämpfen am härtesten. Dann geht’s nicht mehr ums Geld, sondern ums Prinzip. Und das kann zermürben. Ich wünsche mir da mehr Gelassenheit – auf beiden Seiten. 



Du sprichst in deinem Podcast Intelligent getrennt auch über das Leid der Väter in Trennungssituationen. 

Ja, das finde ich ganz wichtig. Männer leiden da ganz genauso, allerdings bekommen sie oft kein Gehör. Ich bin weder pro Mann noch pro Frau, ich bin für das Kind. Aber die Realität ist: Männer sind oft die, die zahlen – Trennungsunterhalt, Kindesunterhalt – und gleichzeitig sehen sie ihre Kinder weniger. Ich rede hier nicht von denen, die betrunken in der Ecke liegen, sondern von normalen Vätern, die sich kümmern wollen. Ich erlebe das oft: Frauen, die sagen „Ich will, dass der Vater das Kind nicht mehr sieht“ – ohne triftigen Grund. Männer haben genauso ein Recht auf Beziehung zu ihren Kindern. Und sie haben auch ein Recht, gehört zu werden. 

 

Du hast einmal gesagt, dass Elternberatung oft überschätzt wird. 

Ja, das meine ich auch so. Wenn zwei Menschen sich nur noch hassen, bringt kein Mediator der Welt sie an einen Tisch. Viele müssen erst mal durchatmen, Abstand bekommen. Und das darf man anerkennen. Diese Idee, dass sich alle noch mal zusammensetzen und vernünftig sind – das ist oft realitätsfern. Vernunft ist wichtig, aber ohne Herz funktioniert sie nicht. 

 

Gibt es eine Jahreszeit, in der besonders viele sich trennen? 

(Lacht) Oh ja! Vor und nach den Ferien. Vor den Ferien ist der Stress groß – Urlaub, Abstimmungen, Streit ums „Wer darf was?“. Danach kommt oft die Erkenntnis: „Das war’s.“ Viele ziehen nach Weihnachten oder im Sommer die Konsequenz. Menschen resümieren: Wie war das Jahr? Und dann klingelt das Telefon wirklich Sturm bei mir.  


„Trennung ist kein Versagen. Sie ist ein starker, mutiger Schritt in eine neue Welt.“ 

 

Was ist dein Rat an Frauen, die gerade mitten im Trennungschaos stecken? 

Mein Satz ist immer: Trennung ist kein Versagen. Sie ist ein starker, mutiger Schritt in eine neue Welt – in deine Welt. Man muss sich für nichts schämen. Wichtig ist, Dinge vorher zu regeln, erst recht über Weihnachten oder Silvester. Wer wann das Kind hat, wie die Tage verteilt sind. Und dann: Versaut den Kindern nicht das Weihnachtsfest, nur weil ihr nicht klarkommt. 



 

Zur Person 

Sandra Günther ist Rechtsanwältin mit Schwerpunkt im Familienrecht, Strafrecht und Gewaltschutz. Seit 2007 berät sie bundesweit Mandant:innen in Trennungs- und Scheidungsverfahren und leitet ihre Kanzlei in Dortmund. Sie verbindet juristische Expertise mit praktischer Unterstützung in emotionalen Krisen. 

 












Sandra Günther: INTELLIGENT GETRENNT 
Sandra Günther: INTELLIGENT GETRENNT 

Sandra Günther: INTELLIGENT GETRENNT 

Unterhalt, Sorgerecht, Aufteilung des Hausrats – in ihrem Ratgeber für Frauen liefert Sandra Günther Antworten auf die häufigsten Fragen im Scheidungsprozess. Unter dem gleichen Namen veröffentlicht sie zudem einen Podcast und bietet Kurse und Coachings an. www.intelligent-getrennt.de 

Goldegg | 220 Seiten | 22,00€ 

 

 




Bilder: Lea Franke

Interview: Eva-Maria Rueter

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