„Alt genug“, um mich selbst zu wählen
- Redaktion

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Aktualisiert: vor 3 Stunden
In ihrem neuen Buch „Alt genug“ bricht die Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy mit Selbstoptimierungs-Parolen, Optimismus-Zwang und dem Druck, sich permanent selbst lieben zu müssen. Sie schreibt über Wechseljahre, Angststörungen, Therapie, Alkoholabstinenz und Scham – und über das große, stille Glück, endlich in sich selbst anzukommen.

„Man muss am eigenen Wachstum arbeiten, um wirklich alt genug zu werden – für Dinge, die einem früher egal waren oder die man sogar abgelehnt hat.“
Der Titel deines Buches lautet „Alt genug“. Alt genug wofür?
Ich freue mich wahnsinnig über diesen Titel. Er hat etwas Weises und gleichzeitig Tröstendes, weil er sich gegen dieses ewige „Ich bin zu alt für ...“ stellt. Natürlich gibt es Dinge, für die ich zu alt bin – eine ganze Menge sogar. Aber mir ging es darum, dem etwas entgegenzusetzen: ein „Ich bin endlich alt genug.“ Einfach nur älter zu werden, reicht ja nicht. Man muss am eigenen Wachstum arbeiten, um wirklich alt genug zu werden – für Dinge, die einem früher egal waren oder die man sogar abgelehnt hat. Das reicht von bequemer, sehr hässlicher Unterwäsche über flache Schuhe bis hin zu: kein Interesse mehr an oberflächlichen Gesprächen. Nach Hause gehen, wenn ich müde bin. Und vor allem: Glücksmöglichkeiten nicht unbenutzt vorüberziehen lassen.
Was macht dich konkret glücklich?
Ich freue mich jetzt schon auf heute Abend um 23 Uhr. Heizdecke an, ins Bett gehen. Das Bett ist warm, ich greife nach meinem Krimi – und ich weiß jetzt schon: Dann ist alles gut. Das ist ein riesiger Glücksmoment. Mit 30 oder mit kleinen Kindern ist so etwas komplett untergegangen, weil sich alles andere vorgedrängelt hat.
Was findest du am Älterwerden noch bemerkenswert?
Das Gute am Älterwerden ist auch, dass es einen befähigt, das Älterwerden idealerweise besser zu ertragen. Wahrscheinlich klappt das besser, wenn man im Leben Dinge erreicht hat, die einem wichtig sind. Diese Zwischenbilanz – noch keine Endbilanz, aber eine letzte Drittelbilanz – wenn die halbwegs gut ausfällt, macht es das sicher leichter, mit der schwindenden Lebenszeit zurechtzukommen.
Welche Rolle spielen dabei deine Kinder?
Eine sehr große. Zeitlich ist man irgendwann entlastet – die Kinder brauchen einen nicht mehr ständig. Aber mental wird es eher anspruchsvoller. Man hat mit Menschen zu tun, die eigene Vorstellungen entwickeln, die sich wehren, die Fehler machen, vor denen man sie nicht bewahren kann. Kinder ins Leben zu entlassen, halte ich für eine der größten Aufgaben überhaupt.
„Ich war in New York, habe das Festival Wacken besucht, mich bei Germany’s Next Topmodel beworben.“
Für dein Buch bist du bewusst immer wieder über deinen Schatten gesprungen.
Ja. Ich war in New York, habe das Festival Wacken besucht, mich bei Germany’s Next Topmodel beworben. Nicht, weil ich alt genug im Sinne des Alters war, sondern weil ich eine bestimmte Mut-Stufe erreicht habe. Ich dachte: Der Titel ist gut, aber irgendwie bin ich ja noch gar nicht alt genug. Mir fehlten Erfahrungen, Dinge, von denen ich erzählen kann. Also habe ich mir eine Art Bucketlist angefertigt – für Dinge, für die ich jetzt alt genug bin, weil ich den nötigen Mut dafür aufbringen kann. Mein Leben war lange stark von Ängsten geprägt. Ich habe dadurch sehr viel verpasst. Selbst ein Strandspaziergang war jahrelang nicht selbstverständlich für mich, denn ich habe eine generalisierte Angststörung. Ich fühlte mich nur sicher, wenn Menschen um mich herum waren, die mir im Notfall helfen könnten. Also habe ich mir bewusst Farbe auf die Palette geholt – deshalb ist auch das Cover meines Buches so bunt.
Schreiben an sich ist aber auch ein mutiger Akt.
Schreiben ist in erster Linie mein Beruf. Mutig ist etwas nur dann, wenn es Überwindung kostet. Die Angst, mich zu zeigen, hatte ich nie. Ich bin keine verschlossene Person – das kann man mir wirklich nicht vorwerfen. Meine Männer zu Hause wären manchmal froh, wenn ich etwas diskreter wäre.
„Menschen, die immer glücklich sein wollen, verpassen etwas Wesentliches. Schmerz, Zweifel und Ambivalenz gehören zum Leben dazu und sie machen es erst tief.“
In deinem Buch kritisierst du unter anderem die Parole „Du kannst alles schaffen.“
Das macht mich wirklich aggressiv, und zwar gerade, weil es gut gemeint ist. Diese ständige Botschaft setzt Menschen unter massiven Druck. Denn wenn es am Ende nicht klappt, heißt es automatisch: Dann hast du eben nicht genug an dich geglaubt. Ich nenne das das „Optimismus-Tourette“ der Lebenshilfeszene – dieses permanente Du musst nur an dich glauben, das einfach nicht stimmt. Genauso problematisch finde ich diese Forderung, man müsse sich selbst lieben oder unbedingt seinen Körper lieben. Das ist viel zu viel verlangt. Ich kann meinen Bauch hässlich finden und ihn trotzdem mögen. Der Körper muss nicht schön sein – es ist nicht seine Aufgabe, irgendeinem Schönheitsideal zu entsprechen. Man sollte sich nicht kleiner machen, aber man sollte sich auch nicht in einem flachen Optimismus verlieren. Harald Schmidt hat das einmal sehr treffend als „Flachland des Optimismus“ bezeichnet. Menschen, die immer glücklich sein wollen, verpassen etwas Wesentliches. Schmerz, Zweifel und Ambivalenz gehören zum Leben dazu und sie machen es erst tief.
„Scham ist kein produktives Gefühl, denn aus Scham entsteht nichts Gutes – sie macht klein, lähmt und führt oft zu Unterordnung.“
Warum ist Scham deiner Meinung nach so eng mit dem Frausein verbunden?
Scham ist kein produktives Gefühl, denn aus Scham entsteht nichts Gutes – sie macht klein, lähmt und führt oft zu Unterordnung. Frauen, die sich schämen, können keine Feministinnen sein. Zweifel dagegen finde ich produktiv. Zweifel führen zu Reflexion, zu besseren Entscheidungen. Mir fehlt das oft bei Männern. Männer ohne Selbstzweifel können richtig gefährlich sein.
Dein Buch endet mit dem Thema „Zuhause“.
Ich habe mich oft zerrissen gefühlt – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen verschiedenen Orten und Lebensphasen. Dieser Selbstbeheimatungsprozess hat bei mir erst spät eingesetzt, aber mit dem Älterwerden ist etwas in Bewegung gekommen, das sich nach Ruhe anfühlt. Da ist Frieden eingekehrt, und ich merke heute, dass ich tatsächlich in mir selbst zu Hause bin.
Wie hast du das geschafft?
Mit Therapie – und mit Medikamenten gegen Angst. Hinzu kommt, dass ich seit fünf Jahren keinen Alkohol mehr trinke. Ich habe mir gezeigt: Ich bin die Herrin im eigenen Haus. Vielleicht wäre ich ohne Angst keine Schriftstellerin geworden, weil ich dann immer unterwegs gewesen wäre. Insofern habe ich gedacht: Okay, ich erlebe nichts – dann muss ich mir was ausdenken.
Wie hast du die Wechseljahre erlebt?
Die körperlichen Veränderungen kamen schlagartig. Hitzewallungen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsprobleme. Ich hatte Glück mit einer guten gynäkologischen Beratung, folglich nehme ich kontrolliert Hormone. Die Menopause ist ein Riesenthema: Viele Frauen ziehen sich beruflich zurück, weil sie körperlich nicht mehr können. Das ist nicht nur ein persönliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem.
„Dass Männer mich nicht mehr anschauen, empfinde ich als Befreiung.“
Und wie empfindest du das Älterwerden als Frau?
Dass Männer mich nicht mehr anschauen, empfinde ich als Befreiung. Ich gehe am Strand entlang, keiner schaut – und ich denke: Wie gut. Interessant wird man sowieso erst, wenn man spricht.
Zum Schluss: Gibt es noch etwas, das dich gerade besonders reizt – beruflich oder persönlich? Vielleicht ein neues Format?
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann vielleicht einen schönen Kinofilm zu einem meiner Bücher. Und ich wäre auch gern Komparsin beim ‚Tatort‘ – da wäre ich sofort dabei. Zur Not auch als nackte Leiche. Ich bin sehr stolz auf meinen Podcast “Frauenstimmen”. Was für ein Luxus, Gespräche mit klugen, nachdenklichen Frauen führen und teilen zu dürfen. Jede Folge ist für mich ein Ausflug in eine neue Welt.

Über Ildikó von Kürthy
Ildikó von Kürthy, geb.1968, gehört seit vielen Jahren zu den wichtigsten Stimmen für Frauen, die klug und ohne falsche Versprechen über das Leben sprechen und schreiben. Als Bestsellerautorin, Journalistin und Podcasterin verbindet sie Tiefgang mit Humor und eine große Nähe zu ihren Leserinnen. In ihrem Podcast und auf ihrem Instagram-Kanal schafft sie Räume für Austausch, Zweifel, Selbstironie und Mut – jenseits von Oberflächlichkeit.

Fotos: Julia Sellmann
Interview: Eva-Maria Rueter




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