Hans-Gerd Raeth über "Wir Freitagsmänner – Wer wird denn gleich alt werden?"
- Redaktion

- vor 2 Tagen
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Herr Raeth, wenn man sich Ihre Hauptfigur Henri Albers anschaut: Mitte 50, frisch geschieden und in diversen Krisen steckend … ist das im Kulturbetrieb der männliche Archetyp unserer Zeit und die Petrischale für so unterschiedliche Ausformungen wie Pastewka, Achtsam morden und andere?
Ehrlich gesagt, denke ich nicht so kompliziert, wenn ich nach Charakteren suche. Ich weiß zwar, wie man sie konzipiert, zumal ich ja auch Drehbücher schreibe, wo man meist viel weniger Zeit hat, um Figuren ein- und auszubauen, aber wenn ich mit dem Personal eines Romans Zeit verbringen will, dann brauche ich vor allem Charaktere, die mich persönlich interessieren. Dass das Leben, die Welt und unsere Beziehungen kompliziert geworden sind, finde ich dabei nur mäßig originell. Ich meine, das betrifft ja nun fast jede und jeden von uns.

Würden Sie zur groben Charakterisierung von Henri Adjektiven wie melancholisch, selbstironisch, liebenswürdig und ahnungslos zustimmen? Falls ja: Ließe sich damit auch pauschaler eine Generation von Männern beschreiben?
Nein, eher nicht. Täte ich es doch, wäre ich trotzdem der Ansicht, dass man aus ein paar Adjektiven noch nicht das Bild einer Generation basteln kann.
Ist es momentan unausgesprochener Konsens, dass man „den Mann“ aktuell in diese Richtung anlegt? Henris Freund Felix ist ja quasi eine andere Ausformung derselben Krise: hyperaktiv und wohlstandsverwahrlost. Oder hätten Sie sich vorstellen können, einen Roman zu schreiben, in dem ein komplett durchdekliniertes Alphatier auf die aktuelle Lebenswelt trifft (und nicht an ihr zerbricht) – oder wäre anders gedacht etwa ein Patrick Bateman (American Psycho) in der Sinnkrise ein spannendes Sujet?
Klar hätte ich auch über ein Alphatier ohne Probleme schreiben können, aber ich finde, das ist keine interessante Figur für einen Roman - und ich glaube den LeserInnen würde es ähnlich gehen. Erst wenn ein Alphatier sich an seiner – oder ihrer - Hybris verschluckt, wird es spannend. Macbeth, Frank Underwood oder Walter White sind so Beispiele. - Aber interessant, dass sie Patrick Bateman als einen Mann sehen, den man in eine Sinnkrise stürzen könnte. So wie ich den Roman verstanden habe, leidet Bateman, entweder unter einer schweren Psychose oder er ist tatsächlich ein Serienmörder. Und ich finde, beides spricht dafür, dass er gewaltige Probleme mit seiner aktuellen Lebenswelt hat.
Die Mischung aus äußerer Erwartungshaltung bei gewissen Themen, die Henri in seinem Umfeld gespiegelt wird, versus seinen inneren Trotz bzw. seiner Ahnungslosigkeit: Warum fällt es Männern – bzw. diesem einem Mann – so schwer, sich mit „Erwachsenenthemen“ wie Gesundheit, Selbstfürsorge und sozialer Interaktion zu beschäftigen bzw. diese auch als „ihre“ anzunehmen?
Ich glaube, dass Männer, die in den 80er und frühen 90er Jahren sozialisiert wurden, ein anderes Verhältnis zu sich und ihrem Körper haben als beispielsweise heutige Männer. Die meisten von uns alternden Männer sind ja Kinder von Babyboomern, die als Nachkriegsgeneration auf Sicherheit und persönliche Leistung setzten und denen Konsum und Status enorm wichtig waren. Das haben wir übernommen und nun spiegeln uns unsere eigenen Kinder, dass wir damit nicht unbedingt richtig liegen. Erst jetzt entdecken viele Freitagsmänner, dass es überhaupt so etwas wie Selbstfürsorge gibt - ich fürchte, für einige von uns kommt diese mentale Hilfe trotzdem zu spät.
Das Narrativ des midlife-kriselnden Mannes ist, wie eingangs angedeutet, definitiv nicht unterbesetzt. In welche Fallen wollten Sie mit Wir Freitagsmänner erzählerisch nicht tappen? Welche Stereotype in der Konstellation „alternder weißer Mann vs. Hier-und-Jetzt“ bewusst ausklammern?
Ich habe keine Angst vor Stereotypen, falls sie das meinen. Zumal sie existieren – und wenn auch nur in den Köpfen der meisten Menschen. Wie bei Klischees, finde ich es sogar ganz reizvoll, damit zu spielen. Was ich in „Wir Freitagsmänner“ ausklammern wollte, war, den alten weißen Mann wahlweise als ewig gestrigen Holzkopf oder als Opfer der Moderne zu erzählen. Beides gibt es sicherlich, aber mit solchen Figuren landet man schnell in der erzählerischen Sackgasse. Auch würde mir die Entwicklung fehlen.
Auch wenn der Protagonist männlich ist, wie viel Arbeit haben Sie in die weiblichen Charaktere investiert? Seine Ex-Frau Jenny und Emily, Henris Love-Interest, besitzen eine menschliche Tiefe, wohingegen Henris erstes Tinder-Date und das Auftreten einer weiblichen Figur, Cindy (fast), überzeichnet und nahe am Stereotyp wirkt.
Ich habe großen Respekt vor Figuren, deren Lebenswelt und Lebensgefühl ich mir erst erarbeiten muss. Deshalb habe ich viel Zeit auf die Frauencharaktere verwendet. Was Cindy betrifft, da haben mir einige weibliche Leserinnen gesagt, dass sie diese Figur toll finden, weil sie sich so konsequent und freudvoll für ihr Glück einsetzt. Ich persönlich mag Cindy auch und finde sie witzig, clever und durchsetzungsstark.
Wenn Ihr Roman in den Händen der „Zielgruppe“ landet: Können Sie auch all jenen Lesern, die noch nicht absehen können, dass sie wie Henri auf ihr persönliches Happy-End zusteuern, eine Aufmunterung mit auf den Weg geben?
Ob Henri wirklich auf sein persönliches Happy End zusteuert, ist zwar noch offen, aber es deutet sich – für ihn wie auch für künftige Freitagsmänner – an, dass es sich immer lohnt, die eigene Komfortzone zu verlassen. Ich habe das Gefühl, dass dieser Aufbruch mit zunehmendem Alter immer schwerer fällt aber auch immer wichtiger wird, weil man die Bequemlichkeit und Sicherheit zu sehr zu schätzen weiß, die einem Gewohnheiten bieten. Doch letztlich bedeutet Älterwerden auch, sich ständig mehr anstrengen zu müssen, um halbwegs den Status quo zu bewahren.
Hans-Gerd Raeth - Wir Freitagsmänner" (dtv / 288 Seiten / 23 €)





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