Wechseljahre: Warum so viele Frauen fehldiagnostiziert werden und wir mehr Wissen brauchen.
- Redaktion

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Herzrasen, Herzstolpern, Schlafstörungen – die Wechseljahre erwischten sie völlig unvorbereitet und mit voller Wucht. Katrin Simonsen ist Journalistin, Moderatorin bei MDR Aktuell und eine der wichtigsten Stimmen zum Thema Wechseljahre in Deutschland. Aus Wut über die Unwissenheit ihrer Ärzte und die schlechte medizinische Versorgung von Frauen startete sie gemeinsam mit Gynäkologin Dr. Katrin Schaudig einen Podcast und schrieb das Buch Hot Stuff. Im Interview spricht die 56-Jährige darüber, wie sie sich aus der hormonellen Krise zurückgekämpft hat, warum so viele Frauen fehldiagnostiziert werden und was sich ändern muss.
Katrin, wie hast du persönlich die Wechseljahre erlebt?
Für mich spielten die Wechseljahre lange keine Rolle. Ich dachte immer, irgendwann hört die Regel auf, man muss nicht mehr verhüten, fertig. Meine Mutter hatte keine starken Symptome, deswegen bin ich da eher naiv rangegangen. Aber dann bekam ich mit 52 Jahren plötzlich immer öfter starkes Herzrasen, Herzstolpern und litt unter extremen Schlafstörungen – so schlimm, dass ich sogar mal in die Notaufnahme gefahren bin. Dort und beim Kardiologen sagte man mir aber, dass mein Herz gesund sei.
Wie ging es weiter?
Mir wurde geraten, meinen Stress reduzieren, vielleicht den Job zu wechseln. Man unterstellte mir, es würde mich mitnehmen, dass meine Kinder gerade aus dem Haus auszogen – Dinge, die vermutlich viele Frauen hören. Dabei war das alles nicht der Fall. Niemand konnte mir helfen und ich geriet immer weiter in einen Strudel, erlebte depressive Phasen und konnte viele Monate nicht mehr arbeiten. Eine Freundin erzählte mir dann eines Tages, dass Oprah Winfrey ähnliche Symptome wie ich hatte – und zwar in den Wechseljahren. Also kaufte ich mir ein Buch über die Wechseljahre und fand darin tatsächlich exakt meine Geschichte! Zu dem Zeitpunkt war schon ein halbes Jahr vergangen und ich dachte nur: Warum wusste ich das alles nicht, warum wissen die Ärzte es nicht? Diese Unwissenheit hat mich richtig wütend gemacht.
Wie bist du mit dieser Wut umgegangen?
Ich habe in der Zeit alle Informationen, die es gab, aufgesogen. Ich habe Bücher gelesen, Podcasts gehört – darunter einen mit Frau Dr. Schaudig als Gast – und bin Instagram-Accounts gefolgt, die sich mit dem Thema befassen. Diese Ahnungslosigkeit, die schlechte medizinische Versorgung von uns Frauen, die Fehldiagnosen und die langen Leidensgeschichten – ich bin da ja nur ein Beispiel von vielen! Da ich Journalistin bin, wollte ich aufklären. So entstand die Idee, den ersten Wechseljahrepodcast der ARD ins Leben zu rufen, zusammen mit der tollen Hormonexpertin Dr. Katrin Schaudig. Aus der Zusammenarbeit ist inzwischen auch das Buch Hot Stuff entstanden.
Wie hast du deine Beschwerden wieder in den Griff bekommen?
Zunächst habe ich bioidentische Hormone ausprobiert, die aber nicht halfen. Heute weiß ich warum: In der Perimenopause sind Hormonschwankungen das Problem und nicht der Mangel. Ich bin dann umgestiegen auf eine Gestagen-Mono-Pille und nur dadurch konnte ich dann wieder arbeiten gehen.
Welche Strategien hast du entwickelt, die dir durch diese schwierige Lebensphase geholfen haben?
Ich habe extrem viel meditiert, habe Yoga gemacht und Atemtechniken eingeübt. Und ich habe gelernt, achtsamer zu sein, Grenzen zu setzen und auch mal Nein zu sagen. Wir Frauen sind oft sehr perfektionistisch und nehmen uns viel zu viel vor. Diese Lebensphase hat also im besten Fall auch einen sehr positiven Effekt: Man besinnt sich mehr auf sich selbst und geht liebevoller und nachsichtiger mit sich um.
Was hättest du vor deinem Eintritt in die Wechseljahre gerne gewusst?
Alles! Schon das Grundverständnis fehlte mir: Wir kommen in die Wechseljahre, weil unser Eizellvorrat aufgebraucht ist. Das stört die Kommunikation zwischen Gehirn und Eierstöcken und löst viele der Beschwerden aus. Mir schreiben viele Frauen, dass sie erst durch unser Buch verstanden haben, wie ihr Körper funktioniert.
Verrückt eigentlich, oder?
Das ist ein Skandal! Und es zeigt, dass unsere Medizin von Männern geprägt ist. Forschung wird an Männern für Männer betrieben. Wir Frauen werden abgespeist mit Aussagen wie: „Das ist natürlich.“ Dann sind ein Herzinfarkt und Blutdruck aber auch natürlich! Das ist doch kein Argument, Frauen nicht zu helfen, denen es nicht gut geht. Zumal sich die hormonellen Veränderungen enorm auf die Gesundheit im Alter auswirken.
Inwiefern?
In der Postmenopause, also nach der letzten Blutung, werden durch den Östrogenmangel viele sogenannte Alterserkrankungen getriggert. Der hormonelle Umbau beeinflusst unsere Knochengesundheit und das Herz-Kreislauf-System, kann Demenz oder Übergewicht begünstigen. Einer unserer Gäste im Podcast hat mal gesagt, dass Frauen dann einfach schneller altern. Das ist ja eine gravierende Information!
Welche emotionalen und mentalen Aspekte der Wechseljahre werden darüber hinaus unterschätzt?
Wechseljahre werden oft als etwas Lapidares abgetan, aber die Symptome können das gesamte Leben destabilisieren. Aus der MenoSupport-Studie von 2023 ging hervor, dass ein Viertel aller Frauen in den Wechseljahren ihre Arbeitszeit verkürzen, eine von zehn geht vorzeitig in Rente. Zu merken, dass man nicht mehr in der Lage ist, gewisse Dinge zu leisten oder abzurufen, kann sehr unglücklich machen.
Welche Rolle können und sollten Arbeitgeber und Gesellschaft bei der Bewältigung dieser Probleme einnehmen?
Wir brauchen mehr Wissen, mehr Akzeptanz und mehr Rücksicht. Viele Unternehmen fangen tatsächlich schon an, Unterstützung anzubieten, weil sie die wirtschaftlichen Folgen erkannt haben. Wichtig ist aber auch der respektvolle Umgang im Kollegenkreis und im privaten Umfeld. Nur, weil man selbst keine Beschwerden hat, darf man die Leiden anderer nicht abtun. Es gibt bisher keine Studien dazu, warum manche Frauen mehr Beschwerden haben und andere weniger. Vielleicht ist es genetisch bedingt, vielleicht Glückssache.
Was wünscht du dir für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass das Thema Wechseljahre in der Ausbildung der Fachärtz:innen integriert wird. Und dass bei uns eine Wechseljahresuntersuchung wie in Großbritannien eingeführt wird. Denn in einer normalen Sprechstunde ist dafür keine Zeit: Frauenärzt:innen dürfen jede Patientin im Quartal genau sieben Minuten lang beraten, für 16,89 Euro. Vor allem aber brauchen wir mehr Forschung, denn zu vielen Aspekten der Menopause gibt es kaum Studien. Bis sich das ändert, lautet mein wichtigster Rat an alle Frauen: Informiert euch selbst, damit ihr nicht so hilflos seid.

Zur Person
Katrin Simonsen studierte Journalistik und Psychologie und arbeitet als Moderatorin und Redakteurin bei MDR Aktuell. Im September 2023 rief sie mit der Gynäkologin Dr. Katrin Schaudig den Podcast Hormongesteuert ins Leben. Der erste ARD-Podcast zum Thema Wechseljahre erscheint alle zwei Wochen.

Katrin Simonsen, Dr. med. Katrin Schaudig
Hot Stuff – Wechseljahre-Wissen to go
In ihrem Ratgeber erklären Katrin Simonsen und Dr. Katrin Schaudig (biologische) Zusammenhänge verständlich und auf Augenhöhe. Neben wissenschaftlich belegtem Wissen bietet das Buch praktische Unterstützung für Frauen in den Wechseljahren.
Auch zum Thema Hormonbehandlung gibt es ein Kapitel.
Dtv | 256 Seiten | 16,00 Euro




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